Defokusfotografie

In den letzten Blogeinträgen ging es vor allem um Produktvorstellungen, Bildentstehungen und meine Trips in die Natur. Dieses Mal soll es daher mal wieder um eine meiner Lieblingstechniken gehen. Nachdem ich euch vor einiger Zeit die ICM-Technik nähergebracht habe, soll es heute um Defokusfotografie gehen.

Definition

Für alle, die mit diesem Begriff noch nichts anfangen können, hier eine kurze Erklärung. Während man klassischerweise sein Motiv in der Fotografie als schärfsten Punkt im Bild abbildet, ist es bei diesem Stil, der Name verrät es bereits, anders. In der Defokusfotografie ist in der Regel überhaupt kein Punkt scharf abgebildet. Die Kunst dabei ist, dem Betrachter dennoch klar zu machen, was das Motiv ist, und das Motiv deutlich von seinem Umfeld hervor zu heben.

Das bedeutet aber auch, dass nicht gleich jedes unscharfe Bild auch ein gelungenes Defokusbild ist. Gelingt ein Defokusbild nicht, kann dies verschiedene Gründe haben. Manchmal liegt es schlicht an der „Menge“ der Unschärfe. Dies lässt sich durch Drehen des Fokusrings leicht testen und gegebenenfalls beheben. Hier geht probieren über studieren! Wichtig ist, dass die Ebenen sich voneinander abheben. Tastet euch an die „richtige“ Unschärfe heran, die natürlich von Motiv zu Motiv deutlich variieren kann.

Ablenkende Elemente

Ein weiterer Grund, warum ein Defokusbild unter Umständen nicht „funktioniert“, kann sein, dass es störende oder ablenkende Elemente im Bild gibt. Der Blick des Betrachters springt dann vom eigentlichen Motiv immer wieder zu diesem Element, obwohl es für die Bildaussage völlig irrelevant ist. Das kann zum Beispiel ein (fast) scharfer Grashalm neben der unscharfen Blüte sein. Hier hilft nur, das störende Element zu entfernen, die Perspektive zu wechseln oder den Grad der Unschärfe anders zu wählen. Manchmal sind die Gründe aber noch komplexer, die dafür sorgen, ob ein Defokusbild gut gelingt oder nicht.

Kontrast

Es kann beispielsweise auch an den äußeren Bedingungen liegen. Um ein Motiv trotz Unschärfe als Motiv erkennen lassen zu können, muss es sich auf andere Art und Weise hervorheben. Es muss in irgendeiner Form einen Kontrast bilden zu seiner Umgebung. Hier sind vor allem Farb- und Helligkeitskontraste hilfreich. Ganz besonders günstig für Defokusfotografie sind Lichtspots. Da das menschliche Auge ohnehin immer nach den hellsten Stellen in einem Foto sucht, fällt der Blick gleich auf den Lichtspot. Befindet sich hierin eine „Unterbrechung“, die unscharfe Silhouette des Motivs, weiß der Betrachter sofort, worum es in dem Bild geht.

Es kann aber auch genau anders herum sein: Ein helles, unscharfes Motiv vor dunklerem Hintergrund. Das Motiv setzt sich deutlich ab, seine Form ist deutlich zu erkennen und der Betrachter weiß gleich, womit er es zu tun hat. Doch auch ein Farbkontrast ist völlig ausreichend. Ein lilablaues Leberblümchen vor einem homogenen orangebraunen Buchenlaub-Hintergrund braucht keinen weiteren Kontrast mehr: Allein durch den deutlichen Farbunterschied wird dem Betrachter sofort klar, was er da vor sich hat.

Das Motiv selbst

Manchmal liegt es aber auch am Motiv selbst. Nicht jedes Motiv lässt sich gut im Defokus fotografieren. Da bei diesen Bildern sämtliche Details verloren gehen, ist es wichtig, dass die Form des Motivs speziell genug ist, dass es zum Beispiel auch als unscharfer Schatten erkannt werden kann. Es bringt also wenig, ein Schneckenhaus als Defokus zu fotografieren, da in der Unschärfe nur noch ein etwas unregelmäßiger Kreis übrigbleibt. Wird hingegen die Blüte des Frauenschuhs in den Lichtspots des Blätterdachs im Wald fotografiert, ist die Form der Blüte so prägnant, dass es kein Vertun mehr gibt.

Ihr seht, es müssen einige Bedingungen zusammenkommen, damit ein Defokusfoto wirklich funktioniert. Für den besseren Überblick hier noch einmal als Liste:

1. “Menge” der Unschärfe

2. Keine ablenkenden Elemente

3. Kontrast

4. Unverwechselbarkeit des Motivs

Aufgrund der speziellen Bedingungen ist es eigentlich kaum möglich, nach draußen zu gehen, um gezielt Defokusfotografie zu betreiben – ähnlich wie es sich mit allen anderen Techniken auch verhält. Ein Motiv passend zur Technik zu suchen, ist extrem schwierig. Also lasst euch draußen treiben, schaut, was die Motive hergeben, wie die Bedingungen sind und schöpft aus eurem Pool an Möglichkeiten, um die passende Technik für dein Motiv zu finden. Und wenn sich die Gelegenheit mal bietet: Probiert euch mal in Defokusfotografie. Es macht unglaublich viel Spaß. 😊

Bis bald,

Eure Christine

2 Comments
  • Susanne Steinhoff

    7. Dezember 2022at12:10 Antworten

    Wieder ein sehr schöner Artikel, Christine, der mir persönlich auch weiterhilft. Traumhafte Fotos, besonders der Schwan und das Rotkehlchen haben es mir angetan. Ich finde es übrigens ganz toll, dass Du ansprichst, dass man diese Technik nicht gezielt, geplant betreiben kann, denn das ist etwas, was ich selber immer wieder in meiner Arbeitsweise feststelle: Wenn ich ein Foto plane, wird zu 99% nichts daraus. Wenn ich mich dagegen treiben lasse und einfach die Augen offen halte, kann ich spontan reagieren und es entstehen ungeplante schöne Aufnahmen. Bisher habe ich mich an komplett defokussierten Bildern nur ganz selten mal versucht, das werde ich nächstes Frühjahr, wenn es wieder mehr Blümchen gibt, auf jeden Fall mal ändern 🙂

    • Christine Averberg

      7. Dezember 2022at17:32 Antworten

      Hallo Susanne, es freut mich sehr, wenn ich dich inspirieren konnte, diese Technik weiter auszuprobieren. 😀

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